Covid-19 löst einen Digitalisierungsschub aus und begründet damit eine langfristige hybrid-Zukunft, in der Digitales und Analoges nahtlos miteinander verbunden werden. digitalswitzerland hat in Zusammenarbeit mit der Wissensfabrik ein White Paper entwickelt, das fünf Wege aufzeigt, wie die digitale Transformation weitergeführt werden kann. Es konzentriert sich auf die Potenziale der digitalen Infrastruktur, Ideenräume, Institutionen der Wissensgesellschaft, neue Schnittstellen und neue Formen der Zusammenarbeit.

Covid-19 als digitaler Stresstest

Es gibt viele Geschichten darüber, welche Art von Krise Covid-19 ist. Das Virus befällt unsere Körper, isoliert die Kranken und Alten, belastet unser Gesundheitssystem, löst Infodemien aus, dichtet unsere Echokammern ab. Eine diffuse Angst vor einer unsichtbaren Gefahr befällt uns. Kommt uns jemand im Bahnhof zu nahe, schrecken wir zurück. Wir zögern, wenn wir Türklinken berühren oder unser Einkauf 80 Franken übersteigt und wir auf schmutzigen Tasten unseren Code eintippen. Unerwartet intensiv sind wir in Folge von Social Distancing mit uns, unseren Wohnzimmern und Liebsten konfrontiert. Wir lernen nicht nur Erfreuliches kennen. Aus ökonomischer Sicht provozieren ausbleibende Kunden Liquiditätsengpässe. Es droht eine tiefe Rezession, für deren Überwindung wir neue Märkte und Jobs kreieren müssen und in der unsere Kulturlandschaft zu verkümmern droht. Schliesslich ist Covid-19 ein Stresstest der digitalen Schweiz. Wir erleben, wo der Alltag nahtlos digital weitergeht und wo er abrupt abbricht.

Die Pandemieerfahrung entblösst digitale Defizite. Ohne Onlinepräsenz bleiben Umsätze aus, schlechte digitale Lösungen bewirken einen Imageverlust. Entsprechend schnell wollen die unfreiwillig exponierten Unternehmen und Behörden ihre digitalen Mängel beheben. Nicht nur könnte sich die Pandemieerfahrung bald wiederholen, post Corona ist auch von einem digitalaffineren Verhalten von Kundinnen, Bürgern und Mitarbeitenden auszugehen. Man muss keine Trendforscherin sein, um zu erkennen, dass Covid-19 einen Digitalisierungsschub auslösen und uns endgültig in eine hybride Zukunft führen wird. In ihr konsumieren, arbeiten, lernen, lieben und kommunizieren wir analog und digital. Die Übergänge zwischen den Welten sind erst dann nahtlos, wenn sämtliche Dokumente, Identitätsausweise, Unterschriften, Entscheidungsprozesse, Kunden- und Patientengeschichten digitalisiert wurden. Sicherheit und Datensouveränität müssen zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein. Ist dies nicht der Fall, formiert sich Widerstand und floriert die Cyberkriminalität.

Der Stresstest zeigt auf, wo digitale Frontrunner in Zukunft Gas geben – Digital Shapers, Disruptoren aus San Francisco und Peking, Fintechs und Webdesignerinnen. E-Sport, E-Shopping, Zoompéros, Homeoffice, Homeschooling und Online-Universität lassen uns erahnen, wie die Transformation in den nächsten Jahren weitergehen könnte. Beziehungsweise hat sie längst begonnen. Als Leitfrage der langfristigen Zukunftsschau dient ein einfaches, durch Covid-19 angeregtes Gedankenspiel. Was verlangt eine Zukunft von uns, in der wir nichts mehr berühren wollen, uns nicht mehr physisch treffen dürfen, das Internet der einzige Weg aus unserem Zuhause in die weite Welt ist? Viele technische und ethische Grenzen dieses Szenarios sind ungeklärt. So einschneidend dessen Veränderungen sein könnten, öffnen sie doch den Blick auf neue Märkte und bisher für unmöglich gehaltene soziale Innovation. Wäre es nicht wichtig, dass die digitale Schweiz diese Chancen und Gefahren antizipiert, diskutiert, bearbeitet?

Damit dies gelingt, müssen wir zusammen die Fortsetzung der digitalen Transformation schreiben. In den letzten drei Monaten machten wir gemeinsam Dinge möglich, für die wir vorher mehrere Jahre brauchten. Doch unser Weg in die digitale Zukunft wird weitergehen. digitalswitzerland und die Wissensfabrik zeigen, wie wir unsere digitale Geschichte weitererzählen können.

Die Exzellenz einer digitalen Gesellschaft misst sich an der Qualität ihrer digitalen Infrastruktur. Sie zu erneuern, ist eine offensichtliche erste Variante, die digitale Transformation fortzusetzen. Wie sehr Arbeit, Konsum, Kultur, Wissenschaft, Austausch und demokratische Debatten von Kabeln, Hardware, Software und Plattformen abhängig geworden sind, machten die letzten Monate mehr als deutlich. Fehlende Investitionen ins Digitale liessen Menschen und Unternehmen büssen. Die Pandemieerfahrung ist ein Aufruf, diese Infrastruktur zu verbessern. Covid-19 zeigte, wo langsames Internet uns das Leben schwer macht, wie gut unser Homeoffice funktioniert, wie synchron unsere Geräte laufen, wie schwer wir uns tun, eine App fürs Gemeinwohl einzuführen. In unsere Infrastruktur zu investieren heisst, den Datentausch zwischen Menschen, Unternehmen, Behörden und Maschinen zu optimieren. Er verlangt noch immer das Haptische, neue Glasfaserleitungen in den Städten, schnelle Hotspots auf dem Land, sichere Datencenter und Laptops für die Mitarbeitenden. Das Virus zeigt, wie wichtig Internetseiten, Webshops, Social-Media-Profile, Customer Relationship Management oder schlicht digitale Kontaktmöglichkeiten sind. Ohne Onlinezugang zu Archiven, Dokumenten, Datenbanken und Agenden schlafen Organisationen ein. Nun führen Museen, Bergbahnen, Fitnesscenter und Freibäder digitale Reservationssysteme ein, um die Sicherheitsabstände zu gewährleisten. Sie erkennen, wie diese Systeme Wissen über ihre Geschäfte liefern und Besucherspitzen glätten. Statt Big Data und KI ist in den nächsten Monaten digitale Grundlagenarbeit gefragt. Wir haben erkannt, was noch fehlt, damit Parlamente, Gerichte, Universitäten, Spitäler, Behörden und unsere Arbeitgeber im Notfall über Monate hinweg digital only funktionieren können. Diese Erkenntnisse sind wichtig, weil es früher oder später eine neue Pandemie gibt und in den letzten Wochen neue User die Vorzüge des Internets kennenlernten. Eine ausgezeichnete digitale Infrastruktur schützt uns vor Viren, einer volatilen Wirtschaft und Infodemien. Sie ist Teil unseres gesellschaftlichen Immunsystems.

Die ausbleibenden physischen Kundenkontakte zwingen viele Unternehmen, in ihre Geschäftsmodelle einzugreifen und Angebote der Subscription Economy zu prüfen. Pralinen und Haarschnitte im Abo sichern betriebswirtschaftlich Geldflüsse und senken volkswirtschaftlich die Volatilität. Die neue Digitalisierungswelle stärkt Lieferdienste und Home Services aller Art. Statt in die Massage, das Restaurant oder ins Minigolf zu fahren, kommen diese zu uns nach Hause. Unerwartete Ereignisse wie Covid-19 zeigen, wie wichtig es ist, seine Kundinnen digital erreichen zu können und wie Agilität kundengetrieben eine neue Dimension erhält. Sie dynamisiert neben Arbeitswelten und Führungsprinzipien auch die Angebote, Ertragsmodelle und Kundenbeziehungen. Calida bietet neuerdings Schutzmasken an, die auf Gin spezialisierte Berner Matte-Brennerei Desinfektionsmittel, Restaurants verschicken vakuumierte 5-Gänge-Menus. Um wirksam zu werden, müssen solche Strategiewechsel die Kunden erreichen.

Aus Sicht der Verkäufer, Plattformen und Infrastrukturanbieter ergeben sich durch jede digitale Interaktion neue Chancen, um die Geschichten der Kunden zu dokumentieren, deren Präferenzen aufzuschlüsseln und diese in zu bewerbende Gruppen einzuteilen. Bei den Kundinnen könnte digitales Controlling jedoch die Sehnsucht stärken, nicht immer getrackt zu werden. Im Datenmanagement geht es ebenso um Cybersecurity wie um digitale Ethik. Wir sollten diese Fragen in transparenten partizipativen Prozessen laufend diskutieren. Auch unternehmerische Aspekte sind angesprochen. Noch immer fehlt es an einfachen Möglichkeiten, um unsere Daten dezentral zu speichern, situativ freizugeben und auf Wunsch zu löschen. Wer etabliert die so wichtigen Datentreuhänder, -börsen, -genossenschaften und -tresore? Ohne Vertrauen in das Datenmanagement der Anbieter kaufen wir Bücher statt E-Books, besuchen statt Zalando eine Schneiderin. Ungeschickt umgesetzt stärkt Digitalisierung die Offliner.

Wir sollten diese Fragen in transparenten partizipativen Prozessen laufend diskutieren. Auch unternehmerische Aspekte sind angesprochen. Noch immer fehlt es an einfachen Möglichkeiten, um unsere Daten dezentral zu speichern, situativ freizugeben und auf Wunsch zu löschen. Wer etabliert die so wichtigen Datentreuhänder, -börsen, -genossenschaften und -tresore? Ohne Vertrauen in das Datenmanagement der Anbieter kaufen wir Bücher statt E-Books, besuchen statt Zalando eine Schneiderin. Ungeschickt umgesetzt stärkt Digitalisierung die Offliner.

Eine zweite Fortsetzungsgeschichte der digitalen Transformation verläuft über Ideenräume. In ihnen denken wir nach, erkennen wir uns selbst, entwickeln wir das Neue, erkunden wir Varianten der Zukunft.

Mehr Digitalisierung heisst mehr Automaten, Roboter, Drohnen und künstliche Intelligenzen, die mitarbeiten und mitdenken. Sie nehmen uns Lästiges ab, sind effizienter als wir, haben die besseren Gedächtnisse und Rechenpower. Das Sinnliche, das Erfinden und Hinterfragen, die Gefühle und das Unternehmertum bleiben uns vorbehalten. Wollen wir nicht in einer von Algorithmen berechneten langweiligen Welt erwachen, sollten wir in die Fähigkeiten investieren, die uns von den Maschinen unterscheiden. Bunte, strukturfreie, vernetzende Ideenräume fördern unsere Fantasie und Empathie, unser kritisches Denken, unsere Selbstreflexion. Sie umfassen die Plätze und Plattformen, wo wir uns kennenlernen, austauschen, uns gegenseitig inspirieren und erholen. Zu den Ideenräumen gehört der politische Betrieb. Wenn Parlamente nicht digital tagen können, droht immer Notrecht.

Soll die Schweiz eine ideenreiche Zukunft haben, sollten wir in Restaurants, in Museen, in botanische Gärten, in Festivals, in Verlage, in Klein- und Stadttheater investieren. An menschlichen Orten kultivieren wir unsere Sinne. Sie intensivieren den Moment, erlauben das Zeitreisen. Wir wechseln die Perspektive, befreien uns aus der Alltagsenge, verlassen unsere Echokammern. In ungewohnten Kulissen, in anregenden Gesprächen spinnen wir neue Gedanken. Genauso wichtig sind ruhige Momente, wo wir uns der Tiefe einer Fragestellung hingeben. Dort wird es spannend, dort macht es Klick. Um das Digitale mit Leben zu füllen, ist das Analoge unverzichtbar. Die Corona-Zeit zeigt uns, wie wertvoll schlanke Agenden sind. Wir dürfen uns in Themen verlieren, neugierig nach Ursprüngen und Fortsetzungen suchen. Entschleunigt entdecken wir, was uns Spass macht, wo wir uns im Wege stehen. Durch Covid-19 gereifte Führungskräfte ermöglichen ihren Mitarbeitenden mehr Stille zum Nachdenken. Ohne diese sind wir nicht innovativ, können wir nicht kritisch reflektieren, haben die Roboter nichts zu tun.

Innovation braucht Zeit und Unordnung. Arbeitswelten sollten englische, keine französischen Gärten sein. Jedes Unternehmen ist ein Raum der Ideen, wo mittels neuer Technologien, Materialien, Angebote und Interaktionsformen die Zukunft entsteht. Von dieser Vision ausgehend, sollten wir unsere Arbeitswelten neu denken. Sie werden hybrid sein, differenzieren nicht mehr, ob wir analog oder digital zusammenarbeiten. Das Büro verfliesst mit Co-Working- und Homeoffice, mit dem Nachdenken im Wald. Vision ist nicht eine Arbeitswelt, in der wir uns nicht mehr physisch treffen. In den Videokonferenzen der letzten Wochen spürten wir sehr wohl, wo uns Zeit und Nähe fehlten, um etwas ausdiskutieren zu können, um unser Gegenüber mit allen Sinnen wahrzunehmen, echte Beziehungen aufzubauen. Genauso zeigten die Zooms, wieviel Sitzungen und Treffen wir sorglos streichen dürfen. Wir sollten uns weniger, aber bewusster treffen, uns auf das Dialogische konzentrieren. Administrieren sollen die Maschinen.

Eine Gesellschaft der tausend Ideen braucht eine vitale Start-up-Szene. Covid-19 ist ein Kontrastmittel. Wir erkennen, welche digitalen Anwendungen bedeutend sein werden. Neue Märkte drehen sich um E-Shops, Lieferdienste, zu Hause erbrachte Dienstleistungen, die Telemedizin, den Schutz unserer Daten und Privatsphäre. Zukunftstechnologien machen unseren Umgang mit Wissen, Energie und Ressourcen smarter. Digitale und grüne Transformation kreuzen sich. Was braucht ein vitales helvetisches Unternehmertum neben Steuererleichterungen? Fördergelder für Start-ups, einen staatlichen Start-up-Fonds, Crowd-Venture-Kapital? Wie entstehen Global Player, die der Konkurrenz aus China und den USA standhalten? Sollen Start-ups gedeihen, sind die Transformation etablierter Unternehmen sowie die digitale Fitness unserer KMU von höchster Bedeutung. Gemeinsam bilden junge, alte, grosse und kleine Unternehmen ein Ökosystem. Es wird erst lebendig, wenn Fähigkeiten, Wissen und Daten fliessen.

Eine dritte Fortsetzung der digitalen Transformation verläuft über die Institutionen der Wissensgesellschaft. Covid-19 intensivierte die digitale Neu-Erfindung aller Organisationen, die Wissen generieren, vertreiben und aufbewahren. In wenigen Wochen stellten Medien, Schulen, Bibliotheken und Universitäten ihren Betrieb um. Um ihre Transformation langfristig zu gewährleisten, sind Evaluation, Forschung und digitale Strategien gefragt. Es wäre schade, die Zukunftsgestaltung nicht auf die Erkenntnisse unseres unfreiwilligen Experiments abzustützen. Besonders im Scheinwerferlicht stehen die wissensmultiplizierenden und -generierenden Universitäten und Hochschulen. Die Qualität ihrer Forschung entscheidet, wie smart wir künftig mit biologischen, ökonomischen und informationstechnischen Viren umgehen. Smart heisst, Gefahren frühzeitig zu erkennen, neue Pandemien zu verhindern, deren Ursachen zu eliminieren, aber auch Orientierungswissen anzubieten – um Ängste abzubauen, die Wirtschaft robuster zu machen. Wir haben es in der Hand, wie sehr uns fiese Erreger gesundheitlich, sozial und ökonomisch schaden können.

Die digitale Lehre der Universitäten wird nicht verschwinden.

Studierende wollen Vorlesungen als Podcasts zeitversetzt aufarbeiten können. Für den endlosen Covid-Loop, bei dem wir über Wochen hinweg zu Hause isoliert sind, drängen sich neue interaktive Lern-Lehr-Formate auf. Werden Studierende mehr im Selbststudium erarbeiten, in Videokonferenzen und bei Spaziergängen von ihren Dozierenden gecoacht? Chatbots vernetzen datenbasiert die Studierenden und regen das gegenseitige Lernen an. Auch das kollaborative Lesen, bei dem man die Markierungen und Fragen seiner Kommilitoninnen sieht, schafft neue Interaktion. Covid-19 bietet die Chance, E-Learning-Umgebungen kritisch zu überprüfen und die Zusammenarbeit der Hochschulen zu stärken. Studierende sollten ohne die heutigen bürokratischen Hürden in einem Semester an allen Universitäten des Landes studieren können. Das gilt umso mehr, als das lebenslange Lernen impliziert, dass wir künftig mehr als einmal und im hohen Alter studieren.

Die Notwendigkeit, online auf Wissen zugreifen, stärkt die papierlose Gesellschaft. Ihre Chancen sind Interdisziplinarität durch Links und einfache Vernetzung, Unmittelbarkeit sowie eine lebendige Streitkultur der Expertinnen durch sichtbare Diskurse. Diesen Vorzügen stehen Gefahren gegenüber: Echokammern, Überforderung, Verstopfung, das Manipulieren von Wissen und Löschen der Vergangenheit. Theoretische, reflexive und handwerkliche digitale Fähigkeiten machen Gefahren zu Chancen. Eine papierlose Gesellschaft fordert Bibliotheken heraus, deren Bestände nicht voll digitalisiert sind. Braucht wirklich jede von ihnen ein eigenes Log-in? Auch die Verwaltung erhält Hausaufgaben. Jetzt ist der Moment gekommen, endlich E-Banking-ähnliche Portale für Steuern, AHV und Behördengänge zu bauen. Letztere sollten in einem Klick möglich sein: Beglaubigungen, Wohnsitzwechsel, Bestätigungen für Wohnsitz und selbständige Erwerbstätigkeit. Eine elektronische Identität ist hierzu unerlässlich. Der Staat als Herausgeber geniesst in der Schweiz grösseres Vertrauen als private Unternehmen.

Zu den Institutionen der Wissensgesellschaft gehören Arztpraxen, Zahn- und Tierärzte, Spitäler, Alters- und Pflegeheime. Dass die Schweiz hier Nachholbedarf hat, ist unbestritten. Im Digital Health Index der Bertelsmann-Stiftung liegt sie auf den hintersten Plätzen. Covid-19 könnte telemedizinische, -psychologische, -physiotherapeutische und -zahnmedizinische Innovationen stärken.

Erst voll digitalisierte Krankengeschichten realisieren die Versprechen einer personalisierten Medizin und mit ihr der künstlichen Intelligenz. Die KI verschreibt Medikamente, erkennt Muster in Symptomen, analysiert die Bilder von Dermatologinnen, Onkologen und Radiologinnen. Auch um Epidemien zu kontrollieren sind Daten unerlässlich. Als Datenlieferanten kommen neben unseren Körpern und Smartphones das Abwasser und Bewegungsfrequenzen in Frage. Für diese digitale Zukunftsmedizin der Schweiz wären mehr Kooperationen zwischen Spitälern, Start-ups und Digitalwirtschaft wünschenswert.

Covid-19 forciert die bereits eingesetzte Ablösung der Interfaces. Sie bezeichnen die Hilfsmittel, mit denen wir die Maschinen bedienen und durchs Netz surfen. Seitdem die Smartphones auftraten, hat sich wenig getan. Das elfte iPhone hat etwa die gleichen Funktionen wie das erste. Kommen nun die intelligenten Brillen, Ringe und Kontaktlinsen? Neue Interfaces zu erforschen und einzuführen, könnte eine vierte Fortsetzung der Transformation sein. Tangiert wären Telefone, Tablets und Computer – aber auch Ticket- und Kaffeeautomaten, Zahlungsterminals und Waagen im Supermarkt. Neue Interfaces drängen sich durch die schlechte Ökobilanz der Bildschirme auf. Unerwartet verschaffte das Virus Ein- und Ausblicke in eine Gesellschaft, in der wir die Dinge nicht mehr berühren wollen, keine Bildschirme, Schalter, Knöpfe und Tasten. Um Schmierinfektionen zu verhindern, setzen Bezahlungs- und Bestellsysteme, Türen und Automaten auf Gestensteuerung und Voice Computing. Im ersten Fall müssen wir eine neue Sprache lernen, im zweiten uns überwinden, mit den Automaten zu sprechen.

Unsere Stimme ist ein mächtiger Informationsträger. Wie unser Fingerabdruck ist sie einzigartig. Zudem speichert sie Geheimnisse über unsere Gesundheit und Persönlichkeit. Ebenso datenreich sind unsere Gesichter. Kaum erstaunlich beäugen wachsame Bürger und Konsumentinnen die intelligenten Kameras und Lautsprecher kritisch. Sie fürchten sich vor Überwachung, pausenloser Vermessung und manipulativen Datenkraken. Dass eine digitale Welt mit neuen Interfaces – ohne Papier und ohne die alten Kontrollmöglichkeiten des Haptischen – Angst macht, zeigt sich besonders deutlich in der Diskussion über eine bargeldlose Gesellschaft. Für unsere digitale Zukunft sollten wir deshalb, vor der flächendeckenden Verbreitung neuer Interfaces unsere Datenrechte regeln. Eine Alternative zum hyperdigitalen öffentlichen Raum wäre die hygienische Vermummung mit sterilen Handschuhen und Gesichtsmasken. In dieser Zukunft hinterlassen wir zwar weniger Daten, bezahlen unsere Freiheit aber mit Verhüllungszwang und einer neuen Distanz zu unseren Mitmenschen.

Neue Interfaces verändern, wie wir im Netz auf Wissen zugreifen. Eigentlich hat das PDF-Format wie das Papier sein End-of-Life-Stadium erreicht. Handelt es sich nicht um ein vordigitales Format, das wenig auf die Erfordernisse des Hypertextes, des Scrollens, Surfens und der Suchmaschinen eingeht? Besonders veraltet ist das mit PDFs betriebene Formularwesen. Umgekehrt vermeiden Webformulare Medienbrüche, die Datenqualität steigt. Wünschenswert wären bessere und sichere Metalogins, um nicht mehr auf jeder Seite unsere Kontakt- und Stammdaten neu einzugeben. Schon lange sucht das Passwort einen Nachfolger. Soll der Geschäftsverkehr digital werden, muss sich zwecks Rechtssicherheit die digitale Unterschrift etablieren. Ist sie irgendwann ein Iris-Scan, ein Stimmabdruck? Diese Ausblicke zeigen, wie wichtig die gefühlte Sicherheit für Bürgerinnen und Kundinnen sowie der Zugang zu digitaler Expertise für transformationswillige Institutionen der Wissensgesellschaft ist. Ihr Employer Branding entscheidet, ob es gelingt, diese Spezialistinnen zu rekrutieren. Es hängt von Gestaltungsmöglichkeiten, Führungsstilen, Arbeitsräumen und -bedingungen ab.

Zu den Interfaces einer vernetzten Gesellschaft gehört im weiteren Sinne auch die Logistik. Sie beschreibt die Verbindungslinien zwischen der analogen und digitalen Welt.

Covid-19 öffnet ein Window of Opportunity, um neu über umweltfreundliche Versandformen nachzudenken. Das Virus lässt eine Zukunft erahnen, in der Shopping und Wocheneinkäufe in allen Alterssegmenten noch öfters online stattfinden. Dieses Szenario sollten wir jetzt vorbereiten, künftige Kontingentierung durch den Staat vermeiden. Zu den Nebenwirkungen des intensivierten Versands gehören die Kartonberge vor unserer Haustüre. Wünschenswert wäre der Einsatz von biologisch abbaubaren Materialien sowie ein nachhaltigeres Recycling- und Retourensystem. In Skandinavien wertet Zalando momentan das mit Repack aufgesetzte Mehrwegsystem aus – gerade zirkulieren 40.000 wiederverwendbare Versandtüten. Auch hier spielt die Digitalisierung eine Rolle. KI-basierte Flottensysteme berechnen die schnellsten Routen.

Im Zentrum der digitalen Transformation sollte in den nächsten Monaten die Steigerung des digitalen Reifegrads von KMUs, Verwaltung sowie noch wenig digitalisierten Institutionen der Wissensgesellschaft stehen. Ohne digitale Basisinfrastruktur bleiben alle weiteren Szenarien der digitalen Schweiz für immer Träume. Grundegend für die weiteren Schritte in die Zukunft ist die digitale Basisarbeit des Staates. Amtliche Ausweise von Impfbüchlein bis E-Identität sollte der Staat selbst herausgegeben. Digitale Ausweise sollten freiwillig bleiben oder der Datenschutz muss garantiert und kontrolliert sein. Je digitaler der Staat funktioniert und je mehr Daten er sammelt, desto dringender stellt sich die Frage, wie ein Überwachungsstaat durch Controlling verhindert und seine Entwicklung durch inspirierende und vernetzende Soundingboards gestützt werden kann. Überhaupt schafft Covid-19 die Gelegenheit, die Zusammenarbeit in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft neu zu denken. Sie ist dort gefragt, wo Unternehmen gesellschaftliche Probleme nicht alleine lösen können.

Diese Zusammenarbeit für und durch die Digitalisierung zu fördern, ist eine fünfte Variante, um die digitale Transformation fortzusetzen. Dazu holen sich digitalunerfahrene Unternehmen Rat bei Profis. Das verhindert, dieselben Fehler jahrelang zu wiederholen. Nicht nur bei Basisaufgaben, auch bei Datenmanagement und -visualisierung, künstlicher Intelligenz oder gesten- und stimmgesteuerten Interfaces bringen Kooperationen Mehrwerte. Zusammen spart man Kosten, teilt man Expertise. Wenn Tierärztinnen Tierärzte unterstützen oder Treuhänder Treuhänderinnen, verschmilzt Kooperation mit Konkurrenz. Wer Partnerschaften eingeht, schöpft ausserdem brachliegendes Innovationspotenzial aus. Dieses Potenzial entdeckt, wer Daten, Mitarbeitende und Infrastruktur co-nutzt. Dabei gilt eine Grundregel der Innovation: Sie entsteht durch Kombination. Je überraschender die Partnerwahl, desto grösser das Innovationspotenzial. Solche Partnerschaften verlangen zu teilen – auch Kundenzugang, auch Gewinne. Lösungen reichen von Projektbörsen zu Co-Working und Datenpartnerschaften.

Covid-19 hat uns sensibilisiert, wie wichtig das modulare Verständnis von Infrastruktur und Belegschaft in Extremsituationen ist. Denkt man modular, werden aus Kinos innerhalb weniger Tagen Lagerhallen für Hygieneartikel, aus Taxis Lieferdienste für frisch gestochenen Spargel. Vision einer modular gedachten Wirtschaft könnte ein flexibler Markt der Fähigkeiten sein. Zahnärztinnen werden über Nacht zu Hygienespezialistinnen und Coiffeure zu Erntehelfern. Eine demokratische Gesellschaft fördert diese Agilität nicht mit Zwang, sondern durch finanzielle Absicherung. Um die Robustheit der Wirtschaft zu stärken, sollten wir Agilität nochmals neu denken. Agil ist ein Unternehmen nicht, wenn es Scrum einführt, einen Tag Homeoffice anbietet oder der CEO in Turnschuhen erscheint. Vielmehr verlangt radikale Agilität von heute auf morgen, mit der Infrastruktur, den Rohstoffen, den Fähigkeiten und den Netzwerken, die im Ökosystem zur Verfügung stehen, neue Angebote und Kundenbeziehungen zu etablieren.

Schliesslich offeriert uns die Denkpause der letzten Monate die Chance, die Megatrends Digitalisierung, demografischer Wandel und grüne Transformation stärker als bisher zu verknüpfen. Verbunden werden sie durch Zukunftsmärkte und soziale Innovationen im Bereich der personalisierten Gesundheit, des ökologischen Designs von Hardware oder einer smarten Landwirtschaft mit Drohnen und dem Internet der Dinge. Sowohl die Zukunftsmärkte als auch die erwünschten sozialen Innovationen sind ohne hohen digitalen Reifegrad der Prozesse, Strukturen und Kulturen der involvierten Akteure nicht zu realisieren. Ebenso wichtig sind die entsprechenden Kompetenzen der Mitarbeitenden. Sie werden umso relevanter, je tiefer die Rezession ist, die das Virus auslösen wird. Man kann die Pandemie als Chance für Europa lesen. In der Plattformökonomie mögen wir nicht vorne mitspielen, nun aber könnten wir die Leaderposition in der grünen Digitalisierung beziehungsweise der digitalunterstützten grünen Transformation übernehmen.

Mit Covid-19 zum Digital New Deal

In den letzten Jahren schlich sich im Land eine gewisse Müdigkeit in Digitalisierungsthemen ein. Das ist nicht erstaunlich. Es gab kaum einen Workshop, eine Tagung, ein Titelblatt, einen Bestseller, wo die Schlagworte der digitalen Transformation nicht wiederholt worden wären. Gleichzeitig fehlte es vielen Mitmenschen an Gründen, um die Digitalisierung mitzumachen oder gar selbst aktiv zu fördern. Warum hätte man seine Surfgeschwindigkeit erhöhen, online einkaufen, mit den Maschinen sprechen, sich im Wohnzimmer von einer Ärztin via Webcam untersuchen lassen, Vorlesungen als Podcasts anbieten, an futuristische Interfaces nach dem Smartphone denken sollen? Fehlten uns einleuchtende Gründe, um die digitale Transformation fortzusetzen? Zeigte der Stresstest, dass sie bisher ihr Potenzial verfehlte, die Schweiz zu verbinden?

Covid-19 ändert die Ausgangslage insofern, als dass wir in den letzten Wochen alle das Digitale intensiv erlebt, erkundet, erprobt haben. Es war das grösste Experiment in der jungen Geschichte Digitaliens. Durch diese Erfahrung gestärkt erhalten wir die Chance, ein neues Narrativ für unsere Zukunft zu wählen.

Soll das Digitale unsere Unterwelt sein, in die wir uns im Notfall zurückziehen können? Bilden sich in Digitalien die Wurzeln unserer ökonomischen, kreativen, sozialen Entfaltung? Könnten wir das Netz besser nutzen, um schädliche Viren aller Art frühzeitig zu erkennen und smart einzudämmen? Die letzten Wochen machten klar, wie wenig wir über unser Zusammenleben mit den Pflanzen, Tieren und Viren wissen. Bietet uns das Internet nicht die Mittel, um unser Wissen über unsere Umwelt zu vertiefen, zu erweitern und zu multiplizieren? Expertinnen können sich unkompliziert, ohne institutionelle und disziplinäre Hürden austauschen, ihre Daten öffentlich machen, wir können direkt mit ihnen in Kontakt treten.

Unabhängig davon, welches Narrativ wir wählen, brauchen wir einen Digital New Deal, um unsere Infrastruktur, Institutionen und Innovationskraft zukunftstauglich zu machen. Er verbindet das Analoge mit dem Digitalen, digitale Profis und digitale Anfänger, Natur- und Geisteswissenschaften, den Staat und seine Bürgerinnen, Wirtschaft und Gesellschaft, Natur und Technologie. Der neue digitale Deal muss Teil des Green New Deal sein, sollen sich die Gefahren des Klimawandels und einer Gesellschaft der Ungleichheit nicht verstärken.