Vom Potenzial der KI zum öffentlichen Nutzen: Die digitale Agenda der Schweiz in Davos 2026

Vom Potenzial der KI zum öffentlichen Nutzen: Die digitale Agenda der Schweiz in Davos 2026

Am 20. Januar 2026 veranstaltete digitalswitzerland anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos vier hochkarätige Events. Von einer morgendlichen Diskussion über das Innovationspotenzial der Schweiz im Bereich KI und die digitale Infrastruktur über einen Expertenaustausch zu Geopolitik und Cybersicherheit bis hin zu einer Mittagssitzung zum Thema globale KI-Governance und einem Nachmittag, der sich mit KI-Kompetenz und der Zukunft der Arbeit befasste, stand an diesem Tag der Ansatz der Schweiz für einen verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz im Mittelpunkt.

Frühstücksveranstaltung: Das KI-Potenzial der Schweiz erschließen

Der Schweizer KI-Aktionsplan

Der Tag begann mit der Frühstückssitzung „Unlocking Switzerland’s AI Potential: The Swiss AI Action Plan” (Das KI-Potenzial der Schweiz erschließen: Der Schweizer KI-Aktionsplan) in der Cloudflare Lounge.

In ihren Eröffnungsreden stellten Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland, und Alissa Starzak, VP, Deputy Chief Legal Officer und Global Head of Public Policy bei Cloudflare, den Schweizer KI-Aktionsplan als zentrale und gemeinsame Priorität dar. Aus Sicht von Cloudflare muss KI inklusiv und widerstandsfähig sein, verschiedene Perspektiven zusammenbringen und von Anfang an Sicherheit integrieren. Da KI-Systeme zunehmend über Agenten betrieben werden, werden Vertrauen, Credential Management und sichere Inferenz für die Einführung in großem Maßstab wichtig.

Ein Highlight des Frühstücks war die Präsentation eines neuen Wirtschaftsberichts, der von der Implement Consulting Group für digitalswitzerland und Google erstellt wurde. Die Ergebnisse wurden von Christine Antlanger-Winter, Country Director von Google Schweiz, Martin H. Thelle, Senior Partner bei der Implement Consulting Group, und Franziska Barmettler vorgestellt.

From left to right: Martin Hvidt Thelle (Partner, Implement Consulting Group), Christine Antlanger-Winter (Country Director Google Switzerland) and Franziska Barmettler (CEO digitalswitzerland).

Von links nach rechts: Martin Hvidt Thelle (Partner, Implement Consulting Group), Christine Antlanger-Winter (Länderdirektorin Google Schweiz) und Franziska Barmettler (Geschäftsführerin digitalswitzerland)

Der Bericht zeigt, dass die Schweiz durch den Einsatz von KI in Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsprozessen ein jährliches Innovationspotenzial von 15 Milliarden Franken erschließen kann. KI wird dabei nicht nur als Produktivitätswerkzeug beschrieben, sondern als neue Erfindungsmethode, die dazu beitragen kann, den langfristigen Rückgang der F&E-Produktivität umzukehren. Erfahren Sie hier mehr über die Studie.

Thelle ging näher auf die Auswirkungen der Studie ein und betonte, dass sich das Innovationspotenzial von 15 Milliarden Schweizer Franken nicht automatisch realisieren werde. KI-gestützte Forschung ist intensiv und erfordert eine hochentwickelte Infrastruktur, Zugang zu hochwertigen KI-Modellen und -Anwendungen sowie einen klaren strategischen Rahmen. Er unterstrich, dass rund drei Viertel der künftigen Wertschöpfung voraussichtlich auf der Anwendungsebene entstehen werden, insbesondere durch domänenspezifische Lösungen und schnell wachsende innovative Unternehmen.

In ihrer Einschätzung skizzierte Franziska Barmettler, wie der Schweizer KI-Aktionsplan diese Herausforderungen auf partizipative Weise angehen will. Die zentrale Aufgabe bestehe darin, Risiken zu bewältigen, dabei wettbewerbsfähig zu bleiben und die Bevölkerung in diesen Prozess einzubeziehen. Sowohl der öffentliche als auch der private Sektor seien für diesen Prozess wichtig.

Ein Beitrag von Marco Huwiler, Country Managing Director von Accenture Schweiz, stellte den Ansatz der Schweiz in einen internationalen Kontext. Er stellte die skalierungsorientierte Innovationskultur der Vereinigten Staaten dem von der Regierung Singapurs vorangetriebenen und hocheffizienten KI-Aktionsplan gegenüber, der KI-Richtlinien und eine starke Kompetenz im öffentlichen Sektor umfasst.

House of Switzerland Veranstaltung: Geopolitik für technologische Vorherrschaft

Politik, Praxis und Partner in einer fragmentierten Welt

Am selben Morgen veranstaltete digitalswitzerland in Zusammenarbeit mit dem National Cyber Security Centre Switzerland NCSC die Expertenveranstaltung «Geopolitics for Tech Supremacy: Policy, Practice and Partners in a Fragmented World» im House of Switzerland.

Florian Schütz, Direktor des NCSC, und Thomas Holderegger, Präsident des Nationalen Cybersicherheitsausschusses bei digitalswitzerland, eröffneten die Sitzung. Sie stellten die zunehmenden Auswirkungen geopolitischer Spannungen auf die Cybersicherheit, technologische Abhängigkeiten und digitale Souveränität in den Mittelpunkt der Diskussion. Sie betonten, dass Cyberresilienz zu einer strategischen Fähigkeit für Staaten und Volkswirtschaften geworden ist, insbesondere für kleine und offene Länder wie die Schweiz.

In seiner Grundsatzrede hob Gilles Carbonnier, Vizepräsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), die humanitären und gesellschaftlichen Auswirkungen von Cyberkonflikten hervor. Er betonte, dass digitale Infrastrukturen zunehmend Teil moderner Konfliktumgebungen sind und dass der Schutz der Zivilbevölkerung, der grundlegenden Dienstleistungen und des Vertrauens in digitale Systeme bei geopolitischen Entscheidungen Priorität haben muss.

Christopher Painter, Gründer der Cyber Policy Group und ehemaliger hochrangiger US-Cyberdiplomat, schloss sich mit einer globalen politischen Perspektive an. Er betonte, dass technologische Überlegenheit nicht mehr allein durch individuelle Fähigkeiten definiert werde, sondern durch Allianzen, Normen und gemeinsame Rahmenbedingungen.

An der anschließenden hochrangigen Podiumsdiskussion nahmen Maya Bundt, Präsidentin des Lenkungsausschusses der Schweizerischen Cyberstrategie, Casper Klynge, Vizepräsident und Leiter Government Affairs EMEA bei Zscaler, Eric Nicolas von der Swiss Cybersecurity Association und Sir Rob Wainwright, CISO bei UBS und ehemaliger Direktor von Interpol, teil. Die Podiumsteilnehmer diskutierten, wie geopolitische Rivalitäten, Sanktionsregime und regulatorische Unterschiede die Cyber-Bedrohungslandschaft verändern.

Anschließend fanden drei moderierte Diskussionsrunden zu den Themen Geopolitik, technologische Vorherrschaft und digitale Souveränität statt, an denen Vertreter von Regierung, Industrie, Wissenschaft und Zivilgesellschaft teilnahmen. In allen Diskussionen betonten die Teilnehmer die Notwendigkeit, kritische Abhängigkeiten zu verringern, Technologiepartnerschaften zu diversifizieren und wo immer möglich interoperable digitale Ökosysteme aufrechtzuerhalten.

Mittagsveranstaltung: Globale Perspektiven und der Ansatz der Schweiz

Auf dem Weg zu einer effektiven KI-Governance

Das digitalswitzerland-Mittagessen im Hotel Waldhuus stand unter dem Motto „Auf dem Weg zu einer effektiven KI-Governance: globale Perspektiven und der Ansatz der Schweiz“ und brachte hochrangige Vertreter und Führungskräfte aus Politik, Wissenschaft und Industrie zusammen. Moderiert wurde die Veranstaltung von digitalswitzerland-Präsident Andreas Meyer.

In seiner Grundsatzrede unterstrich Alain Berset, Generalsekretär des Europarates, die Notwendigkeit einheitlicher Schutzmaßnahmen in der KI-Governance und betonte, dass Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit unverhandelbar bleiben müssen. Er stellte die Rahmenkonvention des Europarates zur KI als risikobasierten Ansatz vor, um gemeinsame Werte in die Praxis umzusetzen.

Alain Berset (Generalsekretär des Europarates) und Andreas Meyer (Präsident, digitalswitzerland)

Bernard Maissen, Direktor der Schweizerischen Bundesanstalt für Kommunikation (BAKOM), skizzierte das pragmatische Governance-Modell der Schweiz, das gezielte rechtliche Schutzmaßnahmen mit freiwilligen, branchenspezifischen Verhaltenskodizes kombiniert, die gemeinsam mit der Industrie und der Wissenschaft entwickelt wurden.

Aus akademischer Sicht erwähnte Professor Effy Vayena, Vizepräsidentin für Wissenstransfer und Unternehmensbeziehungen sowie Professorin an der ETH Zürich, die Bedeutung eines wissenschaftlich fundierten und partizipativen Ansatzes, um sicherzustellen, dass die Governance zweckmäßig ist und auf realen Anwendungen basiert.

Als Vertreterin des Privatsektors betonte Ladina Heimgartner, CEO von Ringier Media Switzerland, wie wichtig es ist, gemeinsam mit den Regulierungsbehörden Rahmenbedingungen für die KI-Governance zu schaffen, um Transparenz, Verantwortlichkeit und Vertrauen zu gewährleisten, insbesondere im Mediensektor.

Eine internationale Perspektive wurde von Erkki Keldo, Minister für Wirtschaft und Industrie Estlands, eingebracht, der die Notwendigkeit klarer Vorschriften, schneller Abläufe und einer hohen digitalen Kompetenz in der öffentlichen Verwaltung hervorhob.

Nachmittagsveranstaltung: KI-Kompetenz und die Zukunft der Arbeit

Die letzte Veranstaltung des Tages fand im Cognizant Chalet statt und konzentrierte sich auf das Thema „KI-Kompetenz und die Zukunft der Arbeit”. Moderiert wurde die Sitzung von Chris Luebkeman, Leiter Strategic Foresight an der ETH Zürich, der die Diskussion auf praktische Beiträge lenkte.

Zu Beginn der Sitzung hob Franziska Barmettler die wachsende Wahrnehmungslücke zwischen Führungskräften und Mitarbeitern hervor. Während viele Führungskräfte angeben, entschiedene Schritte im Bereich KI unternommen zu haben, sagt nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter, dass sich ihre tägliche Arbeit wesentlich verändert hat. Daher sind Engagement, Kommunikation und praktische Weiterbildungen unerlässlich.

Die Diskussion wurde durch drei kurze Impulsvorträge eingeleitet. Kian Katanforoosh, CEO von Workera und Lehrbeauftragter für KI an der Stanford University, skizzierte, wie KI das Lernen und die Kompetenzentwicklung verändert und sich von starren Qualifikationen hin zu flexiblen Mikro-Zertifikaten bewegt, die die Fähigkeiten in der realen Welt und die sich wandelnden Anforderungen im Berufsleben besser widerspiegeln. Adriana González Delshorts, Vizepräsidentin DACH bei EF Corporate Learning, beschrieb KI als einen grundlegenden pädagogischen Wandel, der personalisiertere und integrativere Lernwege für alle Altersgruppen und beruflichen Hintergründe ermöglicht. Babak Hodjat, Chief AI Officer bei Cognizant, konzentrierte sich darauf, den systemischen Widerstand gegen KI zu überwinden, indem Menschen durch praktische Experimente und Anwendungsfälle direkt einbezogen werden.

Von links nach rechts: Rafael Wampfler (Seniorforscher, ETH Zürich), Adriana González Delshorts (Vizepräsidentin DACH, EF Corporate Learning), Babak Hodjat (Chief AI Officer, Cognizant), Kian Katanforoosh (Geschäftsführer, Workera und Lehrbeauftragter für KI an Stanford), Catrin Hinkel (Geschäftsführerin, Microsoft Schweiz), Moderator: Chris Luebkeman (Leiter Strategische Vorausschau, ETH Zürich)

In der Podiumsdiskussion sprach Catrin Hinkel, CEO von Microsoft Schweiz, über das Engagement von Microsoft für eine breite KI-Kompetenz und einen verantwortungsvollen Umgang mit KI. Rafael Wampfler, Senior Researcher an der ETH Zürich, ergänzte dies mit Erkenntnissen darüber, wie unterschiedliche Zielgruppen unterschiedlich mit KI-Tools umgehen und warum Kompetenzförderungsmassnahmen massgeschneidert sein müssen. 

Die Einführung von KI ist dann erfolgreich, wenn Menschen befähigt und einbezogen werden. KI-Kompetenz muss daher über technische Fähigkeiten hinausgehen und kritisches Denken, ethisches Bewusstsein und verantwortungsvollen Umgang umfassen, damit die Belegschaft zu einem aktiven Teilnehmer an der KI-Transformation wird und nicht nur passiv beobachtet.

Vielen Dank und bis zum nächsten Jahr!

Die vier Veranstaltungen in Davos 2026 haben gezeigt, dass Innovation, Infrastruktur, Governance und Kompetenzen untrennbare Elemente der KI-Entwicklung in der Schweiz sind. Um das Potenzial der KI in langfristigen öffentlichen Nutzen umzuwandeln, sind koordinierte Massnahmen in all diesen Bereichen erforderlich.

digitalswitzerland bedankt sich bei allen Referenten, Partnern und Teilnehmern für ihre wertvollen Beiträge in Davos. Ihr Engagement hat maßgeblich dazu beigetragen, einen konstruktiven Dialog über KI und digitale Transformation zu fördern. Wir freuen uns darauf, diesen Weg gemeinsam fortzusetzen und Sie nächstes Jahr wieder in Davos begrüßen zu dürfen.